Perfektion zwingt, Unvollkommenheit befreit.

Als ich im Jahr 2024 mit der 300h-Yogalehrer-Ausbildung begonnen habe, die sich über ein Jahr hinziehen wird, habe ich vorher kein Yoga gemacht. Durch einige Jahre Pilatestraining hatte ich den Hauch einer Ahnung, was ein Herabschauender Hund ist. Ich konnte ja nicht wissen, dass mir diese Ahnungslosigkeit in meiner späteren Arbeit als Yoga-Lehrerin sehr nützlich sein würde. Was ich über Jahrzehnte gemacht habe war schneller ergebnisorientierter Sport wie Rennradfahren, Sportschwimmen, Laufen und ab und an ein Marathon. Das Yoga mit Om war mir zu langsam, zu spirituell, zu viel von diesem „wir sind etwas Besonderes“.

Groß war mein Erstaunen, dann die Verzweiflung, als ich mit Beginn der Ausbildung in eine Welt der schönen, perfekten und dehnbaren Körper gelandet bin, die wie geölte Maschinen ihre täglichen akrobatischen Yoga-Postings, gespickt mit weisen Worten, online absetzen. Diese Art von Yoga bin ich nicht. Weder schön, perfekt noch dehnbar noch weise. Ich bin unvollkommen.

Wie sich später herausstellen sollte, fühlen viele Menschen wie ich. Das macht es nicht einfacher, ein Yogastudio zu betreten. Ich habe es gewagt, vielleicht ein bisschen blauäugig, was gut war, und entgegen aller Hindernisse, die sich mir im Laufe der aufwändigen und fordernden Ausbildung entgegengestellt haben. Seit Jänner 2025 bin ich zertifizierte Yoga-Lehrerin, leite in Leoben im Fitnesscenter AsiaFitness drei Flow-Yogakurse. Öfters höre ich laute Gedanken wie: „Ich kann kein Yoga, ich bin nicht gut darin“ oder „Ich kann kein Yoga, weil ich nicht flexibel bin“.

Foto: Elisabeth Egle

Zurück zum Ursprung

Vielleicht ist es jetzt ein guter Moment, um zu beschreiben, was die ursprüngliche Definition von Yoga ist. Es bedeutet einen Zustand der Ruhe und des inneren Friedens zu erreichen. Yoga-Asanas, Atemübungen und die verschiedenen Meditationsarten und noch vieles mehr sind Teil eines Prozesses, der einem hilft, mehr in die innere Mitte zu kommen, endlich in Ruhe mit sich zu sein, das Lernen von Tönen zwischen Schwarz und Weiß, um entschleunigte Entscheidungen zu treffen und bei mir viel 4-7-8. Hat man für sich den Nutzen der Körperarbeit begriffen, beginnt man immer mehr die einhergehenden Veränderungen zu spüren.

Über Abhyasa: Dranbleiben

Auf der Yogamatte sind Abhyasa und Vairagya Schlüsselprinzipien, die die Yogapraxis prägen. Abhyasa bedeutet, regelmäßig auf der Matte zu üben, sich der Praxis mit Hingabe zu widmen und sich kontinuierlich darum zu bemühen, Asanas, Atmung und Konzentration zu verfeinern. Abhyasa fordert uns auf, Herausforderungen zu meistern und so mit der Zeit Kraft, Flexibilität und einen ruhigen, ausgeglichenen Geist aufzubauen.

Über Vairagya: Im Hier und Jetzt

Vairagya hingegen bedeutet, die Fixierung auf bestimmte Ergebnisse loszulassen, wie etwa das Meistern einer bestimmten Haltung, das Erreichen eines bestimmten Flexibilitätsgrades oder gar die Erlangung eines ruhigen, ausgeglichenen Geistes. Es bedeutet, mit einer Haltung der Akzeptanz zu üben, im Hier und Jetzt mit Körper und Geist präsent zu sein und Frustration oder Verurteilung nicht zuzulassen, wenn etwas nicht wie geplant verläuft.

Abhyasa und Vairagya ergänzen sich und schaffen einen ausgewogenen und bewussten Zugang zum Yoga. Die Anstrengung nimmt man auf sich ohne auf das Ergebnis zu schielen. Das kann bei jedem in den Weiten des Yogakosmos ohnedies komplett unterschiedlich ausfallen.

Was ich für meine eigene Praxis und als Yoga-Lehrerin gelernt habe: Perfektion zwingt mich. Unvollkommenheit befreit. Yoga macht mir die Verantwortung für mich als Mensch bewusst.