Als ich im Jahr 2024 mit der 300h-Yogalehrer-Ausbildung begonnen habe, habe ich vorher kein Yoga gemacht. Ich hatte durch einige Jahre Pilatestraining den Hauch einer Ahnung, was ein Herabschauender Hund ist, aber keinen blassen Schimmer, wozu ich ihn machen soll. Ich konnte ja nicht wissen, dass mir diese Ahnungslosigkeit in meiner späteren Arbeit als Yoga-Lehrerin sehr nützlich sein würde. Was ich über Jahrzehnte gemacht habe war schneller Sport wie Rennradfahren, Sportschwimmen und Laufen. Das Yoga mit Om war mir zu langsam, zu spirituell, zuviel „wir sind besonders“.
Groß war mein Erstaunen, dann später Verzweiflung, als ich mit Beginn der Ausbildung in eine Welt der schönen, perfekten und dehnbaren Körper gelandet bin, die wie geölte Maschinen ihre täglichen akrobatischen Yoga-Postings gespickt mit weisen Worten online absetzen. Diese Art von Yoga bin ich nicht. Weder schön, perfekt noch dehnbar noch weise. Ich bin unvollkommen.
Jedenfalls bin ich damit nicht alleine, wie sich später herausstellen sollte. Viele Menschen fühlen wie ich. Seit 2025 bin ich nun zertifizierte Yogalehrerin, arbeite in Leoben im Fitnesscenter AsiaFitness und höre öfters laute Gedanken wie: „Ich kann kein Yoga, ich bin nicht gut darin“ oder „Ich kann kein Yoga, weil ich nicht flexibel bin“.
Zurück zum Ursprung
Vielleicht ist es jetzt ein guter Moment, um zu zeigen, was die ursprüngliche Definition von Yoga war. Es bedeutet, einen Zustand der Ruhe und des inneren Friedens zu erreichen. Yoga-Asanas, Atemübungen und die verschiedenen Meditationsarten und noch vieles mehr sind Teil eines Prozesses, der dabei hilft, den Geist zu beruhigen.
Über Abhyasa: Dranbleiben
Auf der Yogamatte sind Abhyasa und Vairagya Schlüsselprinzipien, die die Yogapraxis prägen. Abhyasa bedeutet, regelmäßig auf der Matte zu üben, sich der Praxis mit Hingabe zu widmen und sich kontinuierlich darum zu bemühen, Asanas, Atmung und Konzentration zu verfeinern. Abhyasa fordert uns auf, Herausforderungen zu meistern und so mit der Zeit Kraft, Flexibilität und einen ruhigen, ausgeglichenen Geist aufzubauen.
Über Vairagya: Im Hier und Jetzt
Vairagya hingegen bedeutet, die Fixierung auf bestimmte Ergebnisse loszulassen, wie etwa das Meistern einer bestimmten Haltung, das Erreichen eines bestimmten Flexibilitätsgrades oder gar die Erlangung eines ruhigen, ausgeglichenen Geistes. Es bedeutet, mit einer Haltung der Akzeptanz zu üben, im Hier und Jetzt mit Körper und Geist präsent zu sein und Frustration oder Verurteilung nicht zuzulassen, wenn etwas nicht wie geplant verläuft.
Abhyasa und Vairagya ergänzen sich und schaffen einen ausgewogenen und fast bewussten Zugang zum Yoga. Die Anstrengung nimmt man auf sich ohne auf das Ergebnis zu schielen. Das kann bei jedem in den Weiten des Yogakosmos ohnedies komplett unterschiedlich ausfallen.
Was ich in meinem Tun in der Praxis und als Yoga-Lehrerin gelernt habe: Perfektion zwingt mich. Unvollkommenheit befreit. Yoga ist etwas für das ganze Leben und kann auch Verantwortung für die Welt bewusst machen.